Vom Mittelpunkt zur Drehscheibe – Elternsein von Teenagern
Apr 24, 2026
Wenn Kinder zu Teenagern werden, beginnt für uns Eltern ein ambivalentes Gefühlsfeld zwischen Stolz, Wehmut und neuer Orientierung. Zwischen zugeschlagenen Türen, knappen Informationen und wachsendem Freiheitsdrang unserer Jugendlichen lernen wir etwas Neues: Die Kunst des Loslassens – ohne die Verbindung zu verlieren. Eine persönliche Standortbestimmung aus der Lebensmitte.
Da war die Zeit von Schwangerschaft, Geburt, Wunder und Wachstum. Von Wut, Wärme, Lachen und Liebe. Von Höhen, Tiefen, Zweifeln und schlaflosen Nächten. Und plötzlich ist da die Zeit, in der unsere Kinder zu Teenagern geworden sind. Ich bin mitten in der Sturm- und- Drang-Zeit des Familienalltags und spüre gleichzeitig, dass ein Lebensabschnitt unwiderruflich zu Ende geht. Dass sich eine Art Abschied in das Familienleben schleicht, der meinem Herzen ein seltsames Weh beschert.
Vom Zentrum der Welt zu Drehscheibe und Prellbock
Diese Zeichen des Abschieds präsentieren sich oft ganz und gar unromantisch: Ich mutiere schon seit längerem allmählich vom Zentrum der Kinderwelt zu einer Art Drehscheibe im Familienalltag. Eine Drehscheibe, die stark verankert sein sollte, verlässlich und unumstösslich, da sie noch immer das Wachstum der Kinder begleitet. Ich fasse eine hingeschmissene Turntasche und frage: «Alles gut bei dir?», packe ein Sandwich in eine Jackentasche und schaffe es knapp, dass mein «Tschüss» noch von der ins Schloss geworfenen Türe weitergeleitet wird. Die Frage «Wann bist du abends zuhause?» hat es nicht mehr geschafft. Knappe Informationsflüsse seitens Teenager streifen meine Drehscheibe. Ich verarbeite diese mit bemüht konstruktiven Fragen anstelle von Tipps, wage eine Ermahnung, wenn die Teenies einen guten Moment haben. Bevor meine Jugendlichen sich, nach Verpflegung und Pause im Daheim, wieder mit Schwung an meiner Drehscheibe abstossen, um sich ihrem Trieb nach Autonomie weiter zu widmen: Draussen in der Welt, in ihren Peers, in der Schule, beim Sport oder ihrem Wochenjob.
Ich wandle mich von «Mama-ich-hab-dich-so-lieb-vom-Mond-und-wieder-zurück» zum Prellbock, welcher der Selbstregulierung der Jugendlichen dient, wenn sie vom Aussen heimkommen. Wenn ich kein Prellbock für die fehlende Impulskontrolle der Teenies bin, weil der vernunftgesteuerte Frontalcortex im Gehirn grad im Umbau ist und uns stattdessen viel ungefilterte und schwarz-weisse Emotion liefert, so fühle ich mich wie ein Kaskadenbrunnen, dessen Wasser nur in eine Richtung fliesst: Zu meinen Kindern. Ich gebe noch immer, buttere nochmals richtig rein, bin mit Nacherziehung beschäftigt – und frage mich: Wessen Wasser nährt mich? Ich spüre: Es ist nicht die Zeit, um meinen Selbstwert mit Teenagern zu stärken, welche das Zuhause grad abstossen, um zu ihrer eigenen Identität zu finden. Die sich ihr eigenes Gärtchen bepflanzen wollen, ohne die Gummistiefel der Eltern, die darin herumtrampeln.
Zugegeben, es ist eine nicht ganz einfache Standortbestimmung: 13, 15, 17 Jahre lang stand ich fast immer für meine Kinder parat und definierte einen grossen Teil meiner Existenz über sie und ihr Wohlbefinden. Und jetzt– soll ich plötzlich souverän loslassen? Als wäre das nicht genug, decken sich zu allem Übel meine hormonellen Schwankungen der Menopause stimmungsmässig exakt mit denen unserer Teenager, knallen Türen auf meine hormongebeutelte, gereizte Seele. Heissa juhee!
Der 2. Wehenschmerz unseres Lebens
Wie weiter also, wenn der Trieb unserer Kinder nach Autonomie und ihr Weg zum Erwachsenwerden uns etwas weh tut und sich im Alltag nicht ganz einfach anfühlt? Wenn wir die Ambivalenz spüren zwischen «Toll, mein Kind ist gesund und wagt sich alleine raus in die Welt und findet seine Peers» und dem «Wo ist mein kleines Mädchen, mein kleiner Junge hin, der auf meinem Schoss mit mir kuschelte?»
Es ist ein bisschen wie ein zweiter Wehenschmerz, und tief durchatmen hilft hier genauso wie bei der Geburt. Um mich zu ermutigen und zu entspannen. Und zu erkennen: Diese Ambivalenz gegenüber dem wohl grössten Ablösungsprozess im Leben eines Menschen ist eine natürliche Reaktion. Ein Re-framing ist angesagt: Ich setze das, was ich kritisch beleuchte, in einen neuen Rahmen, schaue es mir von anderer Seite her an: Der Drang nach Eigenständigkeit von unseren Kindern ist unsere Chance in der Lebensmitte: Die Chance, uns wieder vermehrt ins Zentrum zu rücken anstelle der endlosen Schlafrituale, Fahrdienste und ewig wiederkehrenden Mittagsmenüs. Die Chance, frei gewordene Energien und zeitliche Ressourcen für unsere persönliche Weiterentwicklung zu nutzen: beruflich, privat oder sportlich. Denn noch sind wir jung genug, um Energie für innere Bewegungen und einen Richtungswechsel zu haben. Lassen wir uns die Wunden lecken von unserer beruflichen Erfüllung und Wirksamkeit, die wir entweder bereits haben, oder dringend suchen sollten. Holen wir uns die fehlenden Glückshormone in der (Peri-) menopause mit Sport oder dem Wiederbeleben von Hobbies und Freundschaften, die zu kurz kamen. Entdecken wir den Ausgang oder ein Wochenende für unsere Partner und uns wieder neu: Ob kulturell, kulinarisch, in der Natur oder beim Sport. Planen wir gemeinsame Familienmomente sorgfältig und bewusst. Sie mögen rarer geworden sein, weil die Jugendlichen eigene Pläne haben. Sie sind jedoch mit etwas Hartnäckigkeit und Hoffnung immer noch gut möglich.
Die rush hour des Lebens verändert sich, der Fokus verlagert sich. Und gibt uns die Möglichkeit, den Wert der Selbstfürsorge wieder zu erkennen. Sie bedeutet Selbstachtung in einer Zeit, die für Frauen in der Lebensmitte nicht ganz unbeschwert ist. Selbstfürsorge führt zu mehr Selbstkontrolle, weil wir ausgeglichener sind, wenn wir darauf achten, was wir brauchen in dieser sich neu anfühlenden Lebensphase. Und diese Selbstkontrolle ist Gold wert im Umgang mit manchmal ungestümen, bisweilen unfairen Teenagern, wenn sie uns, selber im lymbischen System gefangen, mit ihren Emotionen irrational beschiessen. Selbstfürsorge ist ein wichtiges Deeskalationsinstrument, das uns den Alltag erleichtert.
Loslassen heisst nicht fallenlassen
Loslassen heisst zudem nur, nicht krampfhaft am Alten festzuhalten, wenn Kinder eigene Erfahrungen mit und in der Welt machen wollen. Wir müssen unsere Kinder bei diesem wunderbaren, gesunden Prozess der Entfaltung nicht fallen lassen. Wir bieten Ihnen unsere Unterstützung und Beziehung mit ausgestreckter Hand an, so wie wir einem Spatz unsere Handfläche mit Futter hinhalten können. Manchmal kommt der «Spatz», manchmal nicht. Doch wir bleiben da und in Beziehung zu unseren Kindern. Und so kann der leise Abschied auch für uns ein kraftvoller Neuanfang sein. Also, liebe Frauen in der Lebensmitte: Tauchen wir in die Energie des Aufbruchs unserer Jugendlichen ein. Denn vielleicht ist das Loslassen unserer Kinder nicht nur ihr Aufbruch, sondern auch unserer ...
Die Autorin
Nadine Fesseler
Speaker Coach

Nadine Fesseler ist systemisch- lösungsorientierter Coach und Erwachsenenbildnerin. Sie arbeitet in der Elternbildung und Beratung beim Chindernetz Kanton Bern und ist Kursleiterin und Referentin für Veranstaltungen zu Brennpunktthemen des Familienalltags. Ausserdem ist sie in der Organisations- und Teamentwicklung als Kommunikationstrainerin unterwegs.
Im Podcast lila about Nadine kannst du mehr über sie und ihre Arbeit erfahren.
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Zusammen mit Nadine Fesseler haben wir den Onlinekurs „Zweimal Hormoncocktails – und jetzt?“ entwickelt. Darin geht es darum, was passiert, wenn Perimenopause und Pubertät gleichzeitig den Familienalltag prägen und wie du diese Zeit besser verstehen und begleiten kannst. Mehr erfahren