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Wie kommen wir «safe» durch den Virenwinter?

Oct 29, 2026

Ich bin Michèle Birrer, Ärztin und Infektiologin. Die lila Frauen haben mich, pünktlich zur bevorstehenden Grippesaison angefragt, ob ich einen aufklärenden Text über Viren und Erkältungen schreiben könnte. Ich denke, dass wir alle viel dazu beitragen können, uns selbst vor Viren zu schützen und andere nicht unnötig anzustecken.

Hier das Wichtigste kurz und knapp.

 

“Ist ja klar, dass ich heute erkältet bin,
war gestern zu lange ohne Jacke draussen
und habe gefroren.”

 

Wir haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach kausalen Zusammenhängen. Dass das gestrige Frieren bereits das erste Symptom der “Erkältung” war, welche man sich 2 bis 3 Tage vorher beim Kafi mit der hüstelnden Freundin eingefangen hat, ist eine weniger populäre Erklärung – und doch viel plausibler (!). Kälte allein macht nicht krank. Das Virus ist entscheidend. Ohne Virus, keine Erkältung.

Wir stehen kurz vor der nächsten “Virensaison”. Vor allem in den Wintermonaten tummeln sich die Viren, die Atemwegserkrankungen verursachen, wie Influenzaviren (Grippe), SARS-CoV-2 und andere Coronaviren, das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV), Rhinoviren, humane Metapneumoviren, etc.

Die “Erkältung” ist eine Virusinfektion der oberen Atemwege (Rachenschleimhaut, Nasenschleimhaut und gegebenenfalls Nasennebenhöhlen), auch «grippaler Infekt» genannt. Sie ist nicht gleichzusetzen mit der Grippe, die durch das Influenzavirus ausgelöst wird und meist abrupt mit Fieber, ausgeprägten Muskel- und Kopfschmerzen, Husten und starker Erschöpfung beginnt.

Wie und warum stecke ich mich an?

So läuft das mit der Ansteckung: Beim Husten, Niesen und auch Sprechen entweichen unsichtbare virusbeladene Tröpfchen (technisch-medizinisch: respiratorische Partikel). Diese gelangen in die Luft und werden eingeatmet oder fallen auf eine Oberfläche. Von dort können sie über die Hände direkt in die Schleimhäute gelangen. Wir berühren Augen, Nase und Mund bis zu 10- bis 20x pro Stunde. Ob wir dann krank werden, hängt von der Menge der Viren auf unseren Schleimhäuten (unmöglich abzuschätzen) und der Fitness unseres Immunsystems ab.

Wie weiss ich, ob ich oder jemand anderes infektiös ist?

Wir müssen damit leben, dass Viren unsichtbar sind. Ob unser Gegenüber eine «Virusschleuder» ist, ist schwierig einzuschätzen. Offensichtliche Symptome (Husten, Niesen etc.) deuten auf ein Ansteckungsrisiko hin. Diese Information ist jedoch nicht zuverlässig: Auch chronische Lungenerkrankungen, Allergien etc. können zu ähnlichen Symptomen führen.

Faustregel, wenn du erkältet bist: Das höchste Ansteckungsrisiko für andere besteht in den ersten 2 bis 3 Tagen ab Symptombeginn. Nach einer Woche sinkt die Übertragbarkeit stark ab.

Wann muss ich zur Ärztin?

In der Regel dauert der Spuk einer Erkältung 7 bis 10 Tage. Das ist die Zeit, die der Körper braucht, um das Virus zu eliminieren – unabhängig von Medikamenten und Hausmitteln. Eine Linderung der Symptome kann aber helfen, die Zeit angenehmer zu überstehen: die Nase wieder frei machen (Nasendusche, Nasenspray), Schluckbeschwerden lindern (Halsspray, Lutschtabletten), Temperatur senken (Paracetamol, Zwiebelwickel etc.), Husten reduzieren (Hustensirup/-tropfen).

Eine Atemwegsinfektion mit respiratorischen Viren ist mühsam aber in aller Regel nicht gefährlich – Risikopersonen ausgenommen (d.h. Schwangere, ältere Menschen, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder geschwächtem Immunsystem).

Eine erneute Verschlechterung nach anfänglicher Erholung kann auf eine bakterielle Superinfektion hinweisen. Warnzeichen sind wiederkehrendes oder steigendes Fieber, zunehmender Husten, Atemnot, Brust- oder Ohrenschmerzen, Nebenhöhlendruck und anhaltende starke Erschöpfung. Antibiotika können je nachdem sinnvoll sein. Eine medizinische Abklärung ist dann empfehlenswert.

Viren an der Zirkulation hindern: Wie schütze ich mich und andere?

Wenn Menschen zusammenkommen, teilen sie die Atemluft und damit auch das Risiko, respiratorische Viren zu übertragen. Soziale Isolation ist keine langfristige Lösung. Entscheidend sind realistische, kombinierte Schutzmassnahmen wie Masken, Abstand, regelmässiges Lüften und Händehygiene. Und Impfungen für Risikopersonen.

Ein Anwendungsbeispiel aus meinem Alltag: Mit unserer Assistenzärztin und meinem Kollegen teile ich mir ein Büro. Wenn eine oder einer von uns eine Erkältung hat, informieren wir uns und tragen alle eine (passende!) Maske. Wir versuchen, Gespräche zusätzlich mit Sicherheitsabstand (ca. 1.5m) zu führen und regelmässig zu lüften. Die Nase wird abseits geschnäuzt, das Papiertaschentuch im Abfall entsorgt, anschliessend werden die Hände desinfiziert und die Maske wieder aufgesetzt. Dieses Vorgehen funktioniert in den meisten Fällen gut und verhindert erfolgreich eine Virusübertragung unter uns.

Ich bin regelmässig erstaunt, wenn Menschen im öffentlichen Raum ungeniert in die Weite niesen und husten. Es irritiert mich. Wenn wir mit einer Erkältung auftauchen, kommen wir nicht allein, sondern in Begleitung von Viren.

Hiermit ein Plädoyer für die respiratorische Etikette. Diese sollte im Falle einer Erkältung zur «Daily Routine» gehören. Gelebte Infektprävention, die gegenseitigen Respekt, Rücksichtnahme und Schutz des Gegenübers signalisiert.

  • Bedecke Mund und Nase mit einem Taschentuch, wenn du hustest oder niest. Wirf benutzte Tücher in den Abfall. Hast du kein Taschentuch, niese in die Ellenbeuge (nicht in die Hände).
  • Trage eine Maske.
  • Verzichte auf Händeschütteln.
  • Desinfiziere oder wasche deine Hände regelmässig.
  • Halte Distanz zu anderen, wann immer möglich.
  • Reinige häufig berührte Oberflächen regelmässig.

Ist es eine Frage des Respekts? Eine Frage der Höflichkeit? Sicher ist es eine Frage der Gesundheit aller. Ich empfinde Sympathie gegenüber fremden Menschen, die bei respiratorischen Symptomen eine Maske tragen, in die Ellenbeuge niesen und versuchen, mich und andere vor ihren Viren zu schützen.

Was wir alle zur eigenen Gesundheit und derjenigen unseres engen Umfeldes beitragen können: Bei grippalen Erkrankungen unnötige Menschenkontakte vermeiden und sich die respiratorische Etikette zu Herzen nehmen.

 


 

Die Autorin

Dr. Michèle Birrer
Ärztin und Infektiologin

Michèle Birrer ist sowohl Fachärztin für Innere Medizin als auch Infektiologie und hat einen Schwerpunkttitel für Infektionsprävention und -kontrolle im Gesundheitswesen. Sie arbeitet als Chefärztin im Kantonsspital des Kantons Jura. Neben der Patientinnenbetreuung, Supervision und Unterstützung von Kolleginnen ist sie im Spital auch für die Strategie Prävention und Kontrolle im Umgang mit respiratorischen Viren zuständig.